Charaktere im Fußball

Charaktere im Fussball
...von Josko Jurcevic


Der Torhüter Das kennen wir: Wer eigentlich auf keiner Position so richtig zu gebrauchen ist, wird ins Tor gestellt. Er ist der einzige Spieler, der die Gesundheitsrisiken der Torwartposition nicht kennt. Von seinen Mitspielern unterscheidet er sich durch die Trikotfarbe und seinen, extra für ihn abgegrenzten Raum, wo er nicht angegriffen werden darf. Deshalb verläßt er diesen Raum auch nur ungern, denn hier fühlt er sich sicher. Keiner wird so schnell zum Loser, ein einziger Fehler und niemand spricht mehr mit dem Torhüter. Er liebt Hechtsprünge für die Galerie und das lautstarke Antreiben der Hintermannschaft bei Freistößen und Eckbällen. Sein größter Feind sind die Sonne und das Flutlicht. Eigentlich mag ihn keiner so richtig, aber er wird dringend benötigt, weil sich sonst keiner findet, der sich ins Tor stellt. Die Abneigung der Mannschaft gegen ihn geht häufig soweit, dass er abgesondert vom Team trainiert. Ihm wird das als Sondertraining verkauft, damit er nicht beleidigt ist. Kontakt zur Mannschaft versucht er durch die ständig gleichen Witze und Scherze zu bekommen, aber auch das gelingt ihm nur selten. Er hat eine Vorliebe für Rechtecke und die Zahl "0". Ausflüge mag er nicht und verläßt deshalb seine Wohnung nur, um im Tor zu stehen. Auch im Sommer trägt er gerne eine Mütze und Handschuhe. Im Alter lebt er häufig vereinsamt und zurückgezogen.

Der Verteidiger Schönheit ist nicht sein Spiel. Er ist der geborene Spielverderber, macht mehr kaputt, als dass er zu einem vernünftigen Spiel beiträgt. Seine Art Fußball zu spielen bekommt besonders sein direkter Gegenspieler zu spüren. An dem Verteidiger kommt keiner vorbei, jedenfalls nicht aufrecht. Er macht grundsätzlich alles richtig. Bekommt das Team zu viele Gegentore, ist das Mittelfeld, der Torhüter oder der Trainer Schuld. Die Abseitsregel wird er nie ganz verstehen, komplizierte Vorgänge sind nicht sein Ding. Den Ball will er eigentlich nicht haben, zerstören ist sein Leben. Seine technischen Fähigkeiten sind äußerst gering, deshalb spielt er lieber mit Muskelkraft, zum Leidwesen der medizinischen Abteilung der gegnerischen Mannschaft. Er haßt die Farben rot und gelb, Schiedsrichter und schauspielerische Einlagen seiner Gegenspieler. Im Leben nach dem Fußball ist er wortkarg, schüchtern und möchte niemals im Vordergrund stehen. Auf Mannschaftsfotos gelingt ihm selten ein Lächeln.

Der Spielmacher Es gibt keinen auf dem Feld, der wichtiger für ein gutes Spiel der Mannschaft ist - meint er. Niemand kann so gut mit dem Ball umgehen, niemand spielt so elegant. Schönheit und Ästhetik, das ist sein Spiel. Kampf und Einsatzfreude überläßt er seinen Mannschaftskameraden, die ihm alle untergeordnet sind. Verspringt ihm mal ein Ball, so gibt er dem Platzwart die Schuld. gelingt ihm etwas, schaut er sich prüfend um, ob auch alle sein Können würdigen. Er ist eine Mimose, Kritik kann er nicht ertragen. Als Kopf des Teams bestimmt er, wo es lang geht. Diskussionen sind ihm fremd, es zählt nur sein Wort. Bei Niederlagen sucht er die Schuld bei seinen Mitspielern. Siege hat er aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten allein errungen. Im Alltag ohne Fußball ist er mehr der Außenseiter. Er strebt nach ewigem Einzelruhm und ist sehr sensibel. Der Spielmacher benötigt deshalb viel Liebe und Zuneigung.

Der Mittelfeldspieler Der Mittelfeldspieler gehört zur Kreativabteilung des Teams. Er zieht die Fäden, bestimmt das Spieltempo und glänzt durch sein unerhört gepflegtes und attraktives Aussehen. Wäre da nicht der Spielmacher, wäre er der Mittelpunkt eines Fußballspiels. Deshalb gibt es zwischen dem Mittelfeldspieler und dem Spielmacher häufig zwischenmenschliche Probleme. So versucht der Mittelfeldspieler durch ständige Kritik an der "Nr. 10", den Posten irgendwann zu übernehmen. Ein Traum, für den er in jedem Spiel schwer bezahlen muß, wenn er von dem Spielmacher wieder wie ein Untertan behandelt wird. Er ist sowohl für den Angriff als auch für die Abwehr zuständig. Konditionsstark muß er sein, deshalb raucht und trinkt er nicht und besucht keine Parties am Abend vor einem Spiel, was ihn in einigen Teams zum Außenseiter macht. Jeder Trainer ist stolz, solche Spieler im Kader zu haben. Vorbildlich, auch wenn dem Team das egal ist. Im wirklichen Leben ist er ein Arbeitstier, sehr hilfsbereit und versucht auch hier ständig Karriere zu machen. Alle mögen ihn, nur der Spielmacher nicht.

Die Mittelstürmer Der Mittelstürmer ist die faszinierendste Persönlichkeit auf dem Feld, denn er kennt nur eins, den zählbaren Erfolg. Schönheit, Gerechtigkeit, und Ästhetik sind ihm egal. Er wirkt oft desinteressiert. Er denkt nicht, dies ist aber keine Schwäche, sondern eine Stärke. Er sieht immer seine Chance, auch wenn niemand sonst diese sieht. Er grübelt nicht und verschwendet keine Frage an einen zweiten Gedanken, denn der zweite Gedanke ist immer der Falsche. Im krassen Gegensatz zum Torhüter kann er durch eine einzige gelungene Aktion sein Ansehen schlagartig verbessern. Seine Zielstrebigkeit und seine Unkompliziertheit sind nicht erlernbar. Glücklich ist, wer einen Mittelstürmer in seinen Reihen hat, solange es nur um den Erfolg geht.

Der Trainer Wer Spaß am absoluten Chaos hat, wird Trainer einer Fußballmannschaft. Ein starkes Nervenkostüm, Humor, Geld, Organisationstalent, Animateur-Ausbildung, Fingerspitzengefühl, viel Zeit, ca. drei Telefonanschlüsse, Szenenkenntnisse, Modebewusstsein und eine verständnisvolle oder keine Familie, dies sind die Grundvoraussetzungen für den perfekten Trainer einer Fußballmannschaft. Fussball-Fachwissen ist nicht erforderlich, im Gegenteil eher störend. Trainer, die dies alles auf sich vereinigen, gibt es nicht. Insoweit ist jeder, der ein Team übernimmt, zum Scheitern verurteilt. Die Trainerkarriere endet häufig depressiv oder im Alkoholrausch. Diese Zeilen sind zwar hart, weil sich bisher niemand getraut hat, die Wahrheit auszusprechen. Wir wollen dies tun, denn im Fußball werden alle Probleme offen angesprochen, stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang, nur der Trainer weiß nichts davon!